Neuigkeiten bei Ellert & Richter Verlag

11.08.2026 - News

     


Nachruf auf Professor Dr. Uwe Böschemeyer

Von Dr. Sibylle Meyer, WerteAkademie Berlin


Professor Dr. Uwe Böschemeyer hat tausenden Menschen den Weg zu einem sinnvollen Leben gezeigt. Am 14. Mai, dem Himmelfahrtstag 2026 ist er gestorben. Bis wenige Tage vor seinem Tod unterrichtete er und gab sein fachliches Vermächtnis, die „Wertimagination“, an seine Schüler und Schülerinnen, an Klienten und Patienten weiter. Seine jüngsten beiden Bücher „Wo die Seele zuhause ist“ sowie „Und wenn Gott wäre...“ erschienen nur wenige Wochen zuvor. 
Uwe Böschemeyer, 1939–2026, wurde in Oranienburg bei Berlin geboren und studierte zunächst Theologie, bevor er – inspiriert von dem großen Wiener Neurologen und Psychiater Viktor E. Frankl - mehr und mehr zum Psychotherapeuten wurde. Böschemeyer zählt zur ersten Schülergeneration Viktor Frankls, gemeinsam mit Elisabeth Lukas und Walter Böckmann. 1974 promovierte er mit einer Dissertation über die „Sinnfrage in der Existenzanalyse und Logotherapie Viktor E. Frankls aus theologischer Sicht“ bei Helmut Thielecke in Hamburg. 1982 eröffnete er das Institut für Logotherapie und Existenzanalyse in Hamburg.  
Zeit seines Lebens beschäftigte ihn die Frage, wie Menschen herausfinden können, was im Leben wirklich zählt und wie sie Sinn in ihrem eigenen Leben finden können. Bei seiner Forschung setzte Böschemeyer direkt am Menschenbild der Logotherapie an und geht davon aus, dass die spezifisch humanen Werte, Elemente der geistigen Ausstattung jedes Menschen, den Weg zu einem sinnvollen Leben führen können. Doch wie können Werte wie Freiheit und Verantwortung, Mut und Menschlichkeit, Liebe und Güte zu „Magneten der eigenen Haltung und des eigenen Handelns“ werden? Auch hier war das Werk Frankls für ihn wegweisend. Insbesondere Frankls Annahme „Die Quell- und Wurzelschicht allen Geistigen liegt im geistig Unbewussten“ (Frankl, V., Der Unbewusste Gott) hatte Böschemeyer elektrisiert und motiviert, die menschlichen Werte nicht nur im menschlichen Bewusstsein, sondern auch im Unbewussten zu suchen. So sollten sie nicht nur kognitiv erfahrbar, sondern auch mit allen Sinnen fühlbar werden …
Das Ergebnis seiner darauffolgenden langjährigen theoretischen und empirischen Arbeiten nannte Böschemeyer „Wertimagination“. Dabei werden die humanen Werte als „innere Bilder“ im Unbewussten erfahrbar. In einem seiner wichtigsten Bücher „Von den hellen Farben der Seele“ formuliert er „Innere Bilder sind Symbole, Sinn-Bilder, die in komplexer Weise innere Wirklichkeiten zusammenfassen (…). Die inneren Bilder sind die Brücke zwischen Bewusstsein und Unbewusstem. Sie haben Mittlerfunktion zwischen beiden Welten (…) und [ergänzen, S.M.] das Bewusstsein um das, was dem Bewusstsein bislang fremd war.“ 

Wie kann man sich das praktisch vorstellen? Ein Beispiel: Ein Therapeut arbeitet mit seiner Klientin an deren mangelnder Zuversicht und Einsamkeit, die ihr Leben deutlich beeinträchtigen. Er bittet die Klientin zunächst, die Augen zu schließen, still zu werden und während einer kurzen, atemgestützten Entspannung in sich hineinzuspüren. Dies fällt der Klientin nicht leicht, ihre Mutlosigkeit, über die im Vorgespräch ausführlich gesprochen wurde, flammt immer wieder auf. Es gilt nun, die Klientin zu motivieren, sich nicht beirren zu lassen, sondern sich noch tiefer in die inneren Bilder zu versenken.
Die inneren Bilder, die in der Wertimagination vor dem inneren Auge auftauchen, sind keine Phantasievorstellungen und entspringen nicht unserem Verstand, vielmehr werden sie vom Unbewussten „freigegeben“. Wenn dies gelingt, werden sie von dem Imaginierenden dreidimensional und ebenso plastisch erlebt, wie in der realen Welt. Die unbewussten Bilder können ebenso berührt werden wie Gegenstände in unserem Alltagsleben. Berührt die Klientin beispielsweise mit ihren Fingern eine Quelle mit frischem Wasser, gehen davon tiefe Empfindungen auf psychischer und körperlicher Ebene aus. Es entsteht das Erleben, dass das Quellwasser in sie einströmt, ihr Frische, Kraft und Zuversicht vermittelt und ihren Körper aufrichtet und streckt. Ebenso plastisch und mit allen Sinnenkönnen abstrakte Werte, wie Mut oder Zuversicht, Freiheit oder Verantwortung, Liebe oder Güte erlebt werden. Die Wertimagination gibt dem Imaginanden einen „Vor-Geschmack“ wie die in der inneren Welt erlebte Freiheit zur Veränderung der konkreten Lebensumstände wirksam werden kann. Der Wert „Güte“ kann stärken, wenn jemand unversöhnlich mit sich und anderen ist. Der Wert „Verantwortung“ hilft denjenigen, die lernen müssen, für welche Umstände ihres Lebens sie wirklich Verantwortung tragen und wofür nicht. Die eigentlich abstrakten Werte werden in Wertimaginationen emotional erfahr- und erlebbar. Wir nennen dies „gefühlte Erkenntnisse“ (Meyer (Hrsg.) „Zu sich selbst finden und in die Welt wirken“, 2025). Hat ein Klient erst einmal mit Hilfe eines erfahrenen Mentors gelernt, auf diese Weise zu imaginieren, kann er dies nach einer gewissen Praxis auch eigenverantwortlich tun, die Methode stärkt also auch die Selbstkompetenz und Selbstbestimmung.
Böschemeyers Lebenswerk richtet sich auf die Entwicklung, Verfeinerung und Validierung dieser Methode, um sie für die eigene Persönlichkeitsentwicklung zu nutzen und sie in der Beratung von Klienten und Patienten einzusetzen. Die 30-jährige Erfahrung mit dem Einsatz der Wertimagination in der Beratung beweist, dass Klienten und Patienten durch das imaginative Erleben der Werte ihre Ressourcen stärken und die erlebten Werte ihnen den Weg zum Sinn in ihrem Leben weisen können. Die Imaginanden erkennen in ihren inneren Bildern nicht nur, was z.B. was Freiheit oder Verantwortung bedeuten, sondern sie erfahren den jeweiligen Wert mit allen Sinnen und können ihn gleichzeitig als Erkenntnis, als Gefühl und als körperliche Reaktion erfahren. Mehr noch, sie erkennen, dass jeder Mensch die Möglichkeit und Fähigkeit in sich trägt, auf jede noch so widrige Situation des Lebens eine Sinnantwort zu finden. Diese in konkretes Handeln umzusetzen ist beileibe nicht immer leicht, aber wird durch die Methode der Wertimagination erleichtert.
Die Wertimagination fand ihre Heimat ab den 90er Jahren in der „Akademie für Wertorientierte Persönlichkeitsbildung“ in Hamburg und Lüneburg und ab 2006 in der „Europäischen Akademie für Wertorientierte Persönlichkeitsbildung“ in Salzburg, in der Böschemeyer bis zu seinem Lebensende lehrte. Seit 2016 wird sie auch an der „WerteAkademie Berlin“ gelehrt, erprobt und in weiteren Forschungen validiert. 
Uwe Böschemeyer hat mit der Wertimagination eine wichtige Erweiterung der Logotherapie und Existenzanalyse hinterlassen. Dafür sind ihm seine Schülerinnen und Schüler, seine Klienten und Patienten, die tausenden Leser seiner Bücher dankbar. Eine genaue Darstellung der Wertimagination sind in Uwe Böschemeyers vielfältigen Schriften zu finden. Eine Zusammenstellung, in welch breitem Anwendungsspektrum die Wertimagination erfolgreich eingesetzt werden kann, sind in meinem kürzlich herausgegebenen Buch „Zu sich selbst finden und in die Welt wirken. Persönlichkeitsentwicklung durch Sinn- und Wertorientierung“ (Ellert & Richter Verlag) zu entnehmen.  


Dr. Sibylle Meyer, WerteAkademie Berlin


Literatur zum Thema Wertimagination von Uwe Böschemeyer sowie Literatur von ihm im Ellert & Richter Verlag:



Das Leben meint mich


 

Begeisterung fürs Leben


Das heitere Enneagramm


Zu sich selbst finden und in die Welt wirken


Woher kommt die Kraft zur Veränderung